St. Petersburg

Von humanitärer Hilfe bis zum Altenzentrum als Modell für Altenhilfestrukturen in Russland.

Mit den Menschen von St. Petersburg verbindet uns eine wechselvolle Geschichte. 1942 - 1944 belagerte die deutsche Wehrmacht 900 Tage lang Leningrad, das heutige St. Petersburg. Es starben ca.1 Millionen Menschen der Stadt an Hunger, Kälte und Seuchen. Die Wunden aus dieser Zeit sind bei vielen Überlebenden noch immer nicht verheilt.

Wer sich abseits der Touristenströme in St. Petersburg bewegt, sieht die Armut der alten Menschen. Ihre Rente beträgt oft weniger als 50 € im Monat. Medikamente sind teuer und müssen selbst bezahlt werden. Winterstiefel kosten 50 €, ein Wintermantel 70 €, Fleisch und hochwertige Nahrungsmittel sind beinahe unerschwinglich.

Auf der Vasili'evsky-Insel im Zentrum von St. Petersburg leben 30.000 alte Menschen - überwiegend Frauen - und viele von ihnen sind dringend auf medizinische und materielle Hilfe angewiesen.

Das Projekt

Die Anna Luise Altendorf Stiftung unterstützt den Verein „Überlebende der Blockade" auf der Vasili'evsky-Insel in St. Petersburg seit fünf Jahren aus Stiftungsmitteln. Hinzu kommen Spenden, die vornehmlich von älteren Menschen aus dem Kreis Minden-Lübbecke und Halle aufgebracht werden. Der Verein betreut viele alte Menschen seit Jahren zuverlässig. Die Helfer arbeiten ehrenamtlich. Sie organisieren medizinische und materielle Hilfe sowie kulturelle Veranstaltungen für die alten Menschen.

„Mit einer Rente von 80 € können unsere Alten gerade überleben," sagt Frau Nilowa, die unsere Hilfe in St. Petersburg koordiniert, „und das auch nur, weil diejenigen, die wenig haben, denen helfen, die nichts haben! Hauptsächlich brauchen wir Medikamente!"

Humanitäre Hilfe

Im Vordergrund der Arbeit steht direkte Hilfe. Die Helfer vor Ort können am besten entscheiden, welche Hilfsmittel sie benötigen und wie sie die Hilfe verteilen. Mit den Geldern werden Medikamente, Pflegehilfsmittel, Kleidung und Unterstützung für den Lebensunterhalt bezahlt. Es ist sichergestellt, dass die Spenden wirklich die Bedürftigen erreichen. Ein unabhängiges Komitee in St. Petersburg ist für die Vergabe der Spenden zuständig und steht in engem Kontakt mit uns.

Begegnung

Der Aufbau von Kontakten zwischen Russen und Deutschen ist ein wichtiges Ziel unserer Arbeit. Zwischenmenschliche Begegnungen bauen Vorurteile ab und schaffen gegenseitiges Verständnis.

Jedes Jahr organisiert die Stiftung eine Reise nach St. Petersburg. Neben einem reichhaltigen Kulturprogramm sind Treffen und Feste mit den Überlebenden der Blockade ein fester Bestandteil des Reiseprogramms. Diese Begegnungen wurden als wirkliche Höhepunkte der Reise erlebt.

Aufbau ambulanter Hilfe

Mobilität ist wichtig für eine zuverlässige Arbeit in der ambulanten Altenhilfe. Ein eigenes Hilfsfahrzeug wäre eine große Erleichterung der Arbeit vor Ort. Im Mai 2001 wurden Spendengelder für einen robusten Kleintransporter in Deutschland gesammelt.

Ein Jahr später konnte unter großer öffentlicher Anteilnahme mit Presse, Rundfunk und Fernsehen ein Toyota-Bus vor der Smolny - Kathedrale an die Überlebenden der Blockade übergeben werden.

Modell der Zukunft: Das Altenzentrum

2002 besuchten fünf Vertreterinnen der Überlebenden der Blockade auf Einladung der Stiftung Minden. Es entstand die Idee, die bisherige Hilfe zu konzentrieren und ein Altenzentrum zu gründen.

„So können wir nicht nur einzelnen, sondern vielen alten Menschen helfen", erklärt Frau Nilowa, die Vorsitzende der „Überlebenden". „Und wir wollen mit unserem Zentrum ein Zeichen setzen für eine bessere Altenarbeit." Im neuen Altenzentrum erhalten die Alten soziale, medizinische und psychologische Betreuung.        Delegation_Leteln_092

Viele Gespräche mit Politik und Verwaltung waren nötig bis die letzten bürokratischen Hürden überwunden sind. Im Zentrum des Bezirks wurden Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt. Sie waren in einem erbärmlichen Zustand.

Die Bezirksverwaltung übernahm die Kosten für Renovierung und Personalkosten. Voraussetzung dafür ist, dass der Verein sich an den Kosten für die Einrichtung beteiligt und ehrenamtliche Arbeit in diesem Projekt leistet.

Aus Spenden und Mitteln der Anna Luise Altendorf Stiftung ist ein Teil der Kosten bereits gedeckt.

Im Mai 2005 wurde termingerecht das Altenzentrum eingeweiht! Wie viel persönliches Engagement im Neubau steckt, sieht man an den liebevoll gestalteten Gemeinschafträumen, den selbst genähten Gardinen , der sinnvollen Ausstattung der Nebenräume und barrierefreien Sanitäreinrichtungen. Hochrangige Vertreter aus Politik, Verwaltung und Kirche feierten das Zentrum als Modell für neue soziale Strukturen in Russland. Mit der Reisegruppe wurde dann das erste Fest in den neuen Räumen zusammen fröhlich gefeiert.

Hilfsmittelfundus

Eine Besonderheit des Altenzentrums wird der geplante Hilfsmittelfundus.

Viele Alte sind gebrechlich und behindert. Ihnen fehlen Rollstühle, Rollatoren und Gehhilfen.

Wir sammeln bei uns ausrangierte Hilfsmittel, die in Deutschland von einer sozialen Einrichtung aufgearbeitet werden sollen. Im Altenzentrum von St. Petersburg werden sie dann an Bedürftige ausgeliehen und vor Ort gewartet. Transport, Wartung und Ersatzteile kosten Geld, das aus Stiftungsmitteln nicht aufgebracht werden kann. Daher bitte ich Sie um eine Spende für die alten Menschen in St. Petersburg.

Wie es weitergeht

Russland ist ein Land im Aufbruch. Der Aufbau einer beständigen Demokratie ist nur möglich, wenn sie mit der Lösung der großen sozialen Probleme einhergeht.

„Wir sind uns darüber im Klaren das unser Zentrum für 56.000 alte Menschen in dem Bezirk nur ein Beginn sein kann" betont Claus Lemcke, „ aber es ist ein Symbol für die Verantwortung für die Schwächsten in der russischen Gesellschaft, Die finanzielle Hilfe aus Minden war sicherlich notwendig. Mindestens so bedeutend sind die gegenseitigen Besuche und der fachliche Austausch. Am wichtigsten sind jedoch die Freundschaften, die entstanden sind, und die Gewissheit verlässliche Partner zu haben, die trotz aller Gegensätzlichkeit voneinander lernen."

Ein zweiter Bauabschnitt als Reha- Zentrum ist geplant und die Finanzierung von ca. 150.000 Euro ist gesichert.

Vor allen Dingen müssen Hilfestrukturen, wenn sie langfristig bestehen sollen, kostengünstig sein. Dazu müssen die vorhandenen Selbsthilferessourcen, Freiwillige und Angehörige mit in die Arbeit eingebunden werden. Es ist vorstellbar, dass neben der medizinischen und sozialen Betreuung von Betroffenen das Zentrum auch ein Schulungs- und Beratungszentrum wird, von dem aus Selbsthilfe und Unterstützung von ambulanter Pflege organisiert werden kann.

Die Stiftung hat den Bürgermeister der Wassily-Insel, weitere Verantwortliche aus dem sozialen Bereich und die Vorsitzenden der Überlebenden nach Minden eingeladen, um mit Ihnen den Aufbau ambulanter Hilfe, die vom Zentrum ausgehen könnte, zu planen.

Wie jedes Jahr wird sich eine Reisegruppe aus Minden von den Fortschritten des Projektes überzeugen können.

Der Besuch der Delegation aus Russland wurde von der Presse begleitet.

Pressebericht:

Altenzentrum in St. Petersburg um Rehabilitationsabteilung erweitert. Delegation der Anna Luise Altendorf-Stiftung zu Gast in St. Petersburg

Minden. "Fünf schöne, aber auch sehr anstrengende Tage" in St. Petersburg haben jetzt der Geschäftsführer der Anna Luise Altendorf Stiftung, Claus Lemcke, und seine Assistentin Swetlana Riesen verbracht. Erst im Mai waren Alexander Isaev, Irina Chernukhina, Galina Koroleva, Evgenia Nilova und Alena Spasskikh aus St. Petersburg in Minden zu Gast (das MT berichtete). Jetzt, in der letzten Septemberwoche, folgte der Gegenbesuch. Anlass für die Reise nach Russland war die Einweihung einer neuen, zusätzlichen Abteilung in dem Altenzentrum auf der Vasilievsky-Insel, ein Stadtbezirk mit 220000 Einwohnern, das die Stiftung nun schon seit sechs Jahren fördert und unterstützt. Auf rund 230 Quadratmetern bietet die "Soziale Rehabilitationsabteilung für alte Menschen, Behinderte und Überlebende der Blockade", wie Swetlana Riesen die russische Bezeichnung für das neue Angebot übersetzt, unter anderem Sport- und Gymnastikräume, Bibliothek, Speisesaal, Therapie- und Massageräume. Sogar ein Razul-Raum gehört zum Angebot - also ein Raum, dessen Wände komplett mit einer dicken Salzschicht versehen sind, so dass hier Atemtherapien für Menschen mit Lungen- und Bronchialproblemen möglich sind. Hauptnutzen der neuen Abteilung wird es sein, dreiwöchige "Kuren" für jeweils 20 meist alte Menschen zu ermöglichen, die dringend Erholung benötigen. "Allerdings erfolgt die Betreuung nicht rund um die Uhr, sondern täglich von 9.30 bis 17 Uhr", erklärt Riesen, die Lemcke auf seinen Reisen nach Russland als Dolmetscherin begleitet. "Das Angebot ist also am ehesten zu vergleichen mit unseren Tagespflege-Einrichtungen und dabei allerdings auf drei Wochen befristet." Anschließend sind  die Räume für  weitere Veranstaltungen genutzt.Basis für die Verbindung der Anna Luise Altendorf-Stiftung nach St. Petersburg sind ihre Kontakte zu dem Verein "Überlebende der Blockade". Geschichtlicher Hintergrund für die Existenz dieses Vereins ist die Belagerung Leningrads bzw. des heutigen St. Petersburg durch die deutsche Wehrmacht 1942 bis 1944. Der Belagerungszustand dauerte 900 Tage; etwa eine Million Menschen starben an Hunger, Kälte und Seuchen. Alten Menschen in St. Petersburg zu helfen, die zum Teil die Zeit der Blockade selbst miterlebt haben, sieht die Altendorf Stiftung als einen wichtigen Beitrag zur Versöhnung und Völkerverständigung. Auch jetzt brachten Lemcke und Riesen wieder eine Spende in Höhe von 5000 Euro für das Altenzentrum nach St. Petersburg."In Russland beträgt in vielen Fällen die monatliche Rente weniger als umgerechnet 100 Euro", erklärt Lemcke. Aus Stiftungsmitteln und aus Spenden finanziert der Verein der Überlebenden der Blockade vorwiegend Medikamente, Pflegehilfsmittel und Kleidung oder gibt Zuschüsse für den Lebensunterhalt. Neben den nötigsten materiellen Hilfen organisiert das Altenzentrum auch kulturelle Angebote und Möglichkeiten, Kontakte zu anderen alten Menschen zu knüpfen und zu pflegen. "Wie schon bei der Einweihung des Altenzentrums im Mai vergangenen Jahres feierten Vertreter aus Politik, Verwaltung und Kirche das Projekt auch jetzt wieder als Modell für neue soziale Strukturen in Russland", berichtet Lemcke. Alexander Isaev, der Bürgermeister des Bezirks Vasilievsky-Insel, habe dabei immer wieder hervorgehoben, wie wichtig die Anregungen und Eindrücke aus Minden für die Arbeit in St. Petersburg sind. So geht zum Beispiel sein Vorhaben, ein Notrufsystem und einen ambulanten Sozialdienst einzuführen, direkt auf seinen Besuch im Mai in Minden zurück. Außerdem befinden sich derzeit, ebenfalls nach Mindener Vorbild, 45 Altenwohnungen im Bau.Die nächste Reise nach Russland ist übrigens bereits geplant: Vom 27. Mai bis zum 2. Juni kommenden Jahres reisen Lemcke und Riesen erneut - nun schon zum fünften Mal - mit einer Reisegruppe nach St. Petersburg. "Neben einem Besuch im Altenzentrum und einer Begegnung mit dem Verein der Überlebenden der Blockade stehen dann auch viele kulturelle Highlights auf dem Programm", sagt Lemcke. Wer mehr darüber wissen beziehungsweise vielleicht mitfahren möchte, bekommt nähere Informationenbei der Anna Luise Altendorf Stiftung unter Telefon: (05 71) 8 37 08 10.